Kommt der Schwindel von der Halswirbelsäule?


Da ich von vielen Lesern (Ärzte, Kursteilnehmer und Patienten) doch sehr oft Fragen zu dieser Diagnose erhalte, werde ich etwas weiter ausholen, damit keine Rückfragen mehr kommen:

Quelle: Arya, A. K., & Nunez, D. A. (2008). What proportion of patients referred to an otolaryngology vertigo clinic have an otological cause for their symptoms? The Journal of Laryngology and Otology,122(2), 145-149. Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17524169

In der Tabelle werden mögliche 'Schwindel-Ursachen" zusammengefasst, in dem bisherige, publizierte Diagnose-Auswertungen aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Jahren wiedergegeben werden. Der Schwindel von der Halswirbelsäule (HWS) fällt in der Tabelle unter "Musculoskeletal" (Erkrankungen, die das Skelet/ die Knochen/ die Gelenke und Muskeln betreffen). Sie sehen sofort, dass diese Diagnose ein "europäisches Phänomen" darstellt, denn in den USA und Kanada wird diese Diagnose mit "-" also "0%" angegeben. In den USA und Kanada gibt es Neuro-Otologen (Ärzte, die sich auf das Innenohr spezialisiert haben) und in diesen Ländern wird der Schwindel von der Wirbelsäule als Mythos abgelehnt. Aber selbst in Europa nimmt der Wert, aufgrund fehlender Evidenz, drastisch von 51% (1987) auf 18% (2004) und zuletzt 12% (2008) ab. In Deutschland ist es so, dass HNO-Ärzte sehr viele Patienten pro Tag sehen (bis zu 100 Patienten/Tag) und einfach keine Zeit für eine umfangreiche Schwindel-Diagnostik haben. Neurologen wiederum haben schon monatelange Wartezeiten, so dass sie die Schwindel-Diagnostik gerne den HNO-Kollegen überlassen. In solch einer Situation kann der Orthopäde sehr gut den Mythos, dass der Schwindel sehr oft von der Wirbelsäule käme, ohne feste Evidenz, verbreiten. Wie bereits erwähnt, war der Wert für den "HWS-Schwindel" am höchsten in den 80er Jahren und dies zeigt, dass es sich um eine veraltete Annahme handelt. Leider muss ich sagen, dass in Deutschland heute immer noch die Auswertung aus dem Jahre 1987 zutrifft. Jeder meiner Patienten (selbst die mit vestibulärer Diagnose) fragen sich und mich, ob der Schwindel nicht doch von der Wirbelsäule kommen könnte.

 

Ich befasse mich seit 2012 intensiv mit dem Symptom "Schwindel" und seit meiner Praxiseröffnung (2015) sehe ich jährlich hunderte "Schwindel-Patienten" und bezüglich des HWS-Schwindel habe ich folgendes beobachtet: Es gibt 3 Gruppen von Patienten mit der Diagnose HWS-Schwindel.

 

Gruppe A: Sehr viele Patienten, die eigentlich eine vestibuläre Erkrankungen haben, aber aufgrund einer mangelhaften Diagnostik (s. unten) mit einem normalen Befund die HNO-Praxis verlassen, landen als nächstes beim Orthopäden, der fast bei jedem Menschen Veränderungen der Halswirbelsäule (oft alters- oder haltungsbedingt) feststellt und den Schwindel hiermit begründet. Ich sehe viele Patienten, die alle Diagnosekriterien einer vestibulären Migräne erfüllen, aber dennoch die Diagnose "HWS-Schwindel" erhalten haben.

 

Gruppe B: Sehr viele Patienten, die eigentlich keinen "wirklichen" Schwindel haben, leben mit der Diagnose "HWS-Schwindel". Was meine ich mit keinen wirklichen Schwindel? Haben Sie einen Drehschwindel? Nein. Haben Sie einen Schwankschwindel? Nein.  Haben Sie Benommenheitsgefühle oder wird Ihnen schwarz vor den Augen? Nein. Dann beschreiben Sie bitte "den Schwindel" genauer! "Hm, eigentlich eher ein verspanntes Gefühl was sich vom Nacken hochzieht zum Kopf, kein Schwindel eigentlich, eher ein ... ein ... ein allgemeines Unwohlsein. Ich bin einfach so verspannt und mein Nacken tut weh, und es zieht zum Kopf. Ich glaube, es ist gar nicht Schwindel". Leider benutzen wir in der deutschen Sprache sehr schnell den Begriff "Schwindel" und sehr schnell sprechen Patienten mit verspanntem Nacken und einem allgemeinen Unwohlsein von "Schwindel". Diesen Patienten tun natürlich Behandlungen der Nackenmuskulatur gut.

 

Gruppe C: Tatsächlich sehe ich auch sehr viele Patienten bei denen ich den Schwindel einer psychosomatischen Ursache zuordnen würde, die aber die Diagnose "HWS-Schwindel" haben. Ich habe über die Jahre festgestellt, dass der "HWS-Schwindel" alle Beteiligten zufrieden stellt. Der Arzt hat seine Ruhe, weil der Patient nicht jede Woche vorbeikommt und nach weiteren Untersuchungen bittet. Der Patient, der gar nicht hören oder wahrhaben will, dass er psychosomatische Störungen hat, findet sich wiederum leicht mit der Diagnose ab, kann wieder Nachts schlafen ("Es ist kein Schlaganfall, ich habe keinen Tumor, es sind nur Verspannungen") und sieht wöchentlich einen Physiotherapeuten (Mediziner), der/die den Patienten "beruhigt". Der Physiotherapeut beschwert sich auch nicht, denn den Nacken zu behandeln (durch Massagen oder Mobilisation) ist nicht sonderlich anstrengend. Und wenn der Arzt sagt, dass es die Halswirbelsäule sei und dass die Physiotherapie da helfen könne, dann könnte auch der Placebo-Effekt bei einigen psychosomatischen Patienten "wirken" und der Schwindel könnte weniger werden. Dem Patienten eine psychosomatische Ursache zu erklären ist sehr schwer und erfordert sehr viel Zeit.  Gerade wenn es die Patienten nicht hören wollen, ist die "HWS-Diagnose" ein viel schnellerer Weg den Patienten zu beruhigen. Mehr Informationen zum psychosomatischen Schwindel finden Sie unter "Psychogener Schwindel - Was ist dran?".

 

Hin und wieder schicken mir einige Kollegen Studien und Artikel zum HWS-Schwindel. Leider ist es so, dass Studien mittlerweile, ohne kritisch hinterfragt zu werden, in unseriösen oder hauseigenen Zeitschriften leicht publiziert werden können. Denn gerade Placebo-Therapien "verkaufen" sich viel besser, wenn Sie wissenschaftlich belegt wurden. Bevor Sie mir einen Artikel schicken, lesen Sie bitte den Artikel (Link zum Artikel) von Dr. Hain, einer der renommiertesten Schwindel-Experten der Welt, zum HWS-Schwindel. Wenn Ihnen die Englisch-Kenntnisse fehlen, kopieren Sie die URL des Artikels und fügen ihn in der Google-Suchleiste ein. Google bietet Ihnen dann die Möglichkeit diesen Text zu übersetzen:

Dr. Hain nimmt sich die Zeit und evaluiert sehr kritisch alle ernstzunehmenden Studien, die es zum HWS-Schwindel gibt und kommt zu dem Schluss, dass es mehr Mythen als Beweise gibt und dass die Evidenz bezüglich des HWS-Schwindels sehr schwach und fragwürdig ist!

 

Natürlich gibt es eine ganz ganz kleine Minderheit, die wirklich einen HWS-Schwindel haben könnte (das sagt auch Dr. Hain), aber bei dieser Patientengruppe sind es nicht Verspannungen (Mythos), nicht der Atlas (Mythos) und auch nicht ein tiefliegender verspannter Nackenmuskel (der verspannte musculus splenius capitis und der musculus semispinalis capitis waren in den Medien; NDR und die Visite sollte 'die Hinweise' kritisch analysieren, bevor sie vielen Menschen falsche Hoffnungen machen! Mein Kritikbrief an die Redaktion). Übrigens hat die Visite-Redaktion mit den Worten "Wir haben nicht gesagt, dass die Therapie evidenzbasiert ist, aber Herr Dr. Sturm ist ein renommierter Orthopäde und hat großen Erfolg mit der Therapie" geantwortet (mein 2. Kritikbrief an die Redaktion). Die Zeit der Aufklärung scheint für die Visite-Redaktion nicht gekommen zu sein, wenn man vermeintlich renommierten Ärzten mit absurden Hypothesen "blind" vertraut. Dies gilt aber leider auch für viele meiner Physiotherapie-Kollegen, die leider sehr viel Geld für Fortbildungen ausgeben, in denen Placebo-Therapien gelehrt und nicht bewiesene Hypothesen blind vertrauend übernommen werden.

 

Wie es auch Dr. Hain sagt, wird die eheste Ursache bei dem "HWS-Schwindel" eine propriozeptive Störung der Halswirbelsäule sein, die z.B. nach einem Schleudertrauma oder einer Stenose vorkommen können. Und in diesem Fall werden Ihnen Massagen oder andere manuelle Behandlungen der Halswirbelsäule nicht helfen, sondern nur ein "Laserpointer-Training", in der Sie aktiv die Propriozeption und Stabilität der Halswirbelsäule verbessern können (siehe Video). So gemütlich passive Therapien sind, bedenken Sie, dass auch die Gesundheitsbranche, wie jede andere "Branche", finanzielle Interessen hat und dass die Abhängigkeit vom Therapeuten / Chiropraktiker / Osteopathen ("ich muss wieder behandelt werden") langfristige, regelmäßige "Einnahmen" bedeuten. Leider sind verzweifelte "Schwindel-Patienten" sehr leichte Opfer und die Wissenslücke bzgl. adäquater Schwindel-Diagnostik unter Ärzten begüngstigt leider diese Situation (siehe "Häufig gestellte Fragen").

 

 

Liebe Kollegen, obwohl im Impressum betont wird, dass die Texte dieser Internetseite urheberrechtlich geschützt sind, kommt es leider doch vor, dass meine Texte ohne Genehmigung kopiert werden. Ich möchte daher erinnern, dass Personen, die das Urheberrecht verletzen, abgemahnt werden. Hierbei werden gewöhnlich Abmahngebühren in dreistelliger Höhe und Anwaltskosten fällig. Auch der entstandene wirtschaftliche Schaden kann eingeklagt werden.