Häufig gestellte Fragen über Schwindel


  • Kommt der Schwindel von der Halswirbelsäule? Die Antwort ist „äußerst selten“! Dass Störungen der Halswirbelsäule Schwindel verursachen würden, ist ein typisch ‚deutsches‘ Vorurteil. An diese Annahme glaubte man in den 80er-Jahren, aber mit der Erfindung innovativer, medizinischer Diagnostikgeräte können wir heute das Gleichgewichtsorgan viel besser untersuchen und siehe da: Mit 50% ist das Gleichgewichtsorgan am häufigsten ‚Verursacher‘ von Schwindel (Link zur Studie). Dass die Halswirbelsäule Schwindel verursacht, ist dagegen äußerst selten ‚wirklich‘ der Fall (siehe Artikel). Wenn Sie denken: Aber, ich habe auch höllische Schmerzen im Nacken… Nackenschmerzen sind eine der häufigsten Symptome unserer modernen Gesellschaft, aber ich muss Sie leider enttäuschen: Nicht jeder mit Nackenbeschwerden hat auch Schwindel. Und wenn Sie denken: Aber, mein Schwindel wird durch schnelle Kopfbewegungen provoziert… Auch hier muss ich Sie enttäuschen: Schwindel bei schnellen Bewegungen des Kopfes oder des Körpers sind typisch für den vestibulären Schwindel, da bei diesen Bewegungen sich die Innenohrflüssigkeit bewegt und die Sinneshaarzellen im Gleichgewichtsorgans stimuliert werden. Dies ist übrigens auch häufig der Grund warum die Nackenmuskulatur so verspannt ist. Wenn Kopfbewegungen Schwindel machen und ich diese möglichst vermeiden will, dann fixiere ich den Kopf auf der Halswirbelsäule, in dem ich die Nackenmuskulatur konstant anspanne.
  • Warum hat mein HNO-Arzt/Ärztin keine vestibuläre Störung festgestellt? Wie für alle Berufsgruppen gilt auch hier: Wer sich bezüglich eines Themas nicht fortgebildet hat, der/die weiß auch wenig über ein Thema (in diesem Fall die Diagnostik des Schwindels). Die alleinige ‚Spülung des Gehörgangs‘ genügt nicht, um das Gleichgewichtsorgan als gesund oder krank zu erklären. Gerade wenn diese Untersuchung mit Luft oder ohne eine Nystagmus-Brille durchgeführt wurde, hat das Ergebnis kaum eine Aussage. Internationale Experten empfehlen neben ‚der Spülung‘, auch den Kopf-Impuls-Test, den Dynamic Visual Acuity Test, den CTSIB und das Functional Gait Assessment durchzuführen. Alleine schon aufgrund der mangelhaften Bedingungen der gesetzlichen Kassen, haben die Ärzte oft keine Zeit für solch eine ausführliche Schwindel-Diagnostik. Zudem sind die Testergebnisse z.B. bei der vestibulären Migräne häufig unauffällig und in solch einem Fall müsste der Arzt für eine korrekte Diagnose eine ausführliche Anamnese durchführen und seine Befunde mit den Diagnosekriterien der Barany Society vergleichen. Und auch hierfür fehlt den Ärzten oft die Zeit. Gerade bei der Kombination von ‚Schwindel und Gleichgewichtsstörung‘ oder ‚Schwindel bei schnellen Kopf- oder Körperbewegungen‘ ist das Problem wahrscheinlich vestibulär. Leider erlebe ich immer wieder, dass eindeutige, vestibuläre Symptome von Ärzten übersehen werden und zudem die Betroffenen auf die ‚vermeintliche‘ Halswirbelsäule aufmerksam gemacht werden. Ich hatte schon Patienten, die jahrelang nur noch im Sitzen geschlafen haben (weil sie lt. Arzt die Arterie zum Gehirn einengen könnte) oder kurz vor einer ‚Herzschrittmacher-OP‘ standen, obwohl Sie lediglich einen Lagerungsschwindel hatten, die wohl am einfachsten zu diagnostizierende Erkrankung in der HNO.  Wenn Sie zu einem Arzt gehen, dann empfehle ich eine Schwindelambulanz. Wobei ich einen Besuch eher für komplexe, unklare Schwindelsymptome empfehle, da Erkrankungen wie der Lagerungsschwindel oder Neuritis / Neuropathia Vestibularis eigentlich einfach zu diagnostizieren sind. Unter www.ivrt.de finden Sie Ärzte / Ambulanzen, die sich auf die Diagnostik des Schwindels spezialisiert haben.
  • Gibt es Medikamente für den vestibulären Schwindel? Die Antwort ist „Nein“! Die meisten Medikamente gegen Schwindel ‚dämpfen‘ nur die Empfindung, aber der Schwindel bleibt. Man könnte daher sagen, dass die meisten Medikamente gegen Schwindel das Gleichgewichtsorgan ‚betäuben / sedieren‘ und wahrscheinlich können Sie sich vorstellen, dass ein betäubtes, sediertes Gleichgewichtsorgans erst recht zu Stürzen führen kann. Außer Morbus Menière und der Vestibularisparoxysmie (eine sehr seltene Krankheit) gibt es keine andere vestibuläre Erkrankung, die langfristig medikamentös behandelt werden sollte. Die einzige Therapie für den vestibulären Schwindel ist die Übungstherapie (vestibuläre Rehabilitationstherapie). Gerade aus diesem Grund ist es nicht nachvollziehbar warum Betroffene von einem Arzt zum Nächsten rennen, mit der Hoffnung, dass Medikamente verschrieben werden, die ihren Schwindel beheben. Oft ist dies verlorenen Zeit, in der Sie längst mit den Übungen hätten beginnen können.
  • Ist die vestibuläre Therapie nicht ein Teil der Grundausbildung von Physiotherapeuten? Die Antwort ist „Nein“! Ich selber habe während meines Studiums in den Niederlanden nie etwas über das Gleichgewichtsorgan gelernt. Aus dem gleichen Grund kommen 95% der Therapeuten zu meinen Seminaren. Ich habe auch immer wieder Dozenten im Kurs, die mir nach dem Kurs beichten, dass sie bisher ihren Schülern falsche bzw. veraltete Inhalte gelehrt haben. Genau wie Ärzte, denkt auch der ‚normale‘ Physiotherapeut, der sich nicht fortgebildet hat, dass der Schwindel von der Halswirbelsäule käme. Folglich besteht die Therapie aus wohltuenden, aber leider wirkungslosen Nackenmassagen. Unter www.ivrt.de finden Sie alle Therapeuten, die meine Ausbildung zum Schwindel- und Vestibular-Therapeuten absolviert haben und sie kompetent behandeln können.
  • Besteht die Therapie aus osteopathischen Methoden? Die Antwort ist „Nein“! Die meisten Osteopathen behandeln den Schwindel mit der sogenannten Kranio-Sakral-Therapie. Die Annahmen / Hypothesen dieser Therapie sind äußerst umstritten und aus schulmedizinischer Sicht sogar absurd. Zudem sollte erwähnt werden, dass das ‚neue Allheilmittel‘ laut Wissenschaft keinen Effekt hat und dies gilt nicht nur für den Schwindel, sondern für alle Symptome (Link zur systematischen Übersichtsarbeit). In der verlinkten Studie wird ebenfalls betont, dass die meisten Studien über diese Therapie extremen Ergebnisverzerrungen ausgesetzt waren (kleine Anzahl an Probanden, keine Placebo-Gruppe, die Untersuchenden waren auch die 'Fortschritt-Messer', d.h. dass sie als 'Verfechter der Therapie' bei der Auswertung nicht objektiv waren). Warum ist diese Therapie so populär in Deutschland? Der deutsche Physiotherapeut behandelt gerne passiv (bei 20 Minuten Therapiezeit ist massieren einfacher als Patienten von Übungen zu überzeugen) und der deutsche Patient wird gerne passiv behandelt („Machen Sie mal meine Beschwerden weg, ich habe keine Zeit / Lust zum Üben“). Warum tut die Therapie gut? Eine 30-minütige Kopfmassage, ja sogar, wenn der Kopf 30 Minuten nur gekrault wird, führt zu einer Entspannung, aber auch diese Methoden haben langfristig keinen therapeutischen Mehrwert. Wenn Sie durch die Kranio-Sakral-Therapie tatsächlich eine Verbesserung der Symptome empfunden haben, dann freue ich mich wirklich sehr für sie, denn wie viele erstaunliche Studien zeigen, ist der Placebo-Effekt nicht zu unterschätzen!
  • Ich habe auch Tinnitus, hängt der Tinnitus mit meinem Schwindel zusammen? Tinnitus kann tatsächlich auch vom Innenohr kommen. Bei Erkrankungen wie Morbus Menière und Akustikusneurinom ist Tinnitus typisch. Wird der Tinnitus durch die vestibuläre Therapie vermindert? Beim Morbus Menière und bei einem Akustikusneruinom ist der Tinnitus nicht beeinflussbar, auch nicht mit der vestibulären Therapie. Aber generell ist der Tinnitus therapieresistent und durch eine ‚körperliche‘ Therapie nicht zu behandeln. Es gibt bisher keinen therapeutischen Ansatz, der den Tinnitus behandeln kann, denn die häufigsten Ursachen von Tinnitus sind nicht durch ‚körperliche‘ bzw. manuelle Methoden beeinflussbar. Die häufigste Ursache für Tinnitus ist tatsächlich die Zerstörung der Sinneshaarzellen im Innenohr. Die Gründe für die Zerstörung sind folgendermaßen zusammenzufassen: Das ‚Absterben‘ der Zellen durch Alterungsprozesse, übermäßiger Lärm (z.B. laute Musik) und sogenannte ototoxische (Oto=Ohr; toxisch=giftig) Medikamente (z.B. Aminoglykosid-Antibiotika; Antibiotika, die mit -mycin / -micin enden). Wenn einmal die Sinneshaarzellen im Innenohr zerstört werden, dann regenerieren sie sich nicht mehr und bisher gibt es auch keine Therapie dafür. Menschen, die ein Körperteil verlieren, empfinden häufig ‚Phantomschmerzen‘ und auch in diesem Fall empfindet der Betroffene bei Zerstörung gesunder Zellen „Phantomgeräusche“. Dies bringt uns zur nächsten, häufigen Ursache für Tinnitus: Das Gehirn hört Geräusche, die eigentlich gefiltert werden sollten bzw. gar nicht ‚da‘ sind. Bei dieser Hypothese ist die veränderte, zentrale Verarbeitung im Gehirn die Ursache für den Tinnitus. Äußerst selten kann der Tinnitus durch eine Störung der Halswirbelsäule oder durch eine Störung des Kiefergelenkes entstehen, aber wie erwähnt, eher selten. Nur in diesem Fall könnte der Tinnitus behandelt werden und sollte auch auf die physiotherapeutische Behandlung reagieren (durch die Therapie sich vermindern). Hier ist allerdings Skepsis geboten! Weil sehr viele Menschen unter Tinnitus leiden und auch bereit sind alles für eine ‚Genesung‘ zu tun, kommt es nicht selten vor, dass Therapeuten / Heilpraktiker aufgrund wirtschaftlicher Interessen mit einer Genesung ‚werben‘. Auch in der Fortbildungsbranche finden sich Titel wie ‚Tinnitus erfolgreich behandeln‘, dabei gibt es bisher keine effektive Therapie für Tinnitus! Traurigerweise bieten selbst Unikliniken diese nicht evidenzbasierten Therapien an (leider auch die bereits erwähnte Kranio-Sakral-Therapie), wobei ich sehr hoffe, dass Uniklinken auf den Placebo-Effekt als auf einen ‚wirklichen‘ Effekt der Therapie setzen. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn Sie als Betroffene/r eine andere Antwort hören wollen würden - Es gibt bisher keine effektive Therapie für Tinnitus (Link zum Artikel), Sie müssen lernen mit dem Tinnitus zu leben bzw. ‚wegzuhören‘. Daher werden eher Verhaltenstherapien (z.B. Tinnitus-Retraining-Therapie) anstelle von ‚körperlichen / manuellen‘ Therapien empfohlen und diese gehören bisher zu den effektivsten Ansätzen! Die Idee dahinter ist einfach und leicht nachvollziehbar: Hört man hin, verstärkt sich der Tinnitus; lenkt man sich ab oder ‚hört weg‘ vermindert sich der Tinnitus. Da ich selbst sporadisch von Tinnitus betroffen bin, kann ich bestätigen, dass ich durch das Ablenken / Weghören den Tinnitus kaum in meinem Alltag wahrnehme. Mehr Informationen zum Tinnitus finden Sie in meinem Artikel, der in der pt_Zeitschrift veröffentlicht wurde.

 

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